Lasst Konzerne die Familien impfen

Lasst Konzerne die Familien impfen

Von Michaela Mahler

Eine kleine Utopie zu den immer lauter werdenden Rufen nach einem Strategiewechsel in der Impf-Politik

Angesichts des heute stattfindenden Impfgipfels von Bund und Ländern wird im Vorfeld gerade viel darüber diskutiert, wie es mit der Impfstrategie weitergehen könnte, um das Tempo zu beschleunigen. Dabei ist in unterschiedlicher Weise immer wieder die Rede davon, dass die Impfreihenfolge aufgehoben oder gelockert werden soll. Beispielsweise um so ganze Belegschaften durch Betriebsärzt*innen impfen zu lassen. Es ist sogar die Rede von einem Strategiewechsel, der nun, da bald die am stärksten gefährdeten Gruppen geimpft seien, darauf abzielt, eher jüngere Menschen zu impfen, die viele Kontakte haben.

Grundsätzlich ist es natürlich zu begrüßen, wenn die Impfungen in Zukunft schneller vorankommen, denn eine hohe Impfquote und dadurch sinkende Infektionszahlen schützen und helfen im Endeffekt allen. Genau dieses Argument wird auch vorgetragen, wenn es jetzt darum geht, die Impfreihenfolge nach und nach aufzuweichen. Bayerns Ministerpräsident Söder spricht beispielsweise seit Anfang April von einer Aufhebung der Impfreihenfolge bereits im Mai um in großen Betrieben ganze Belegschaften impfen zu lassen, unabhängig davon, ob sie Risikofaktoren haben oder nicht. Und seit gestern spricht Söder auch von Familienimpfungen.

Einige Gedanken zum Thema Elternimpfen habe ich hier bereits ausführlich ausformuliert. Obwohl Eltern unbezahlte Sorgearbeit leisten und somit für das Gemeinwesen besonders relevante Funktionen erfüllen und obwohl sie über den Schul- und Kitabesuch der Kinder teils eine Vielzahl zusätzlicher und unvermeidbarer Kontakte haben, wurden sie im Gegensatz zu anderen systemrelevanten Gruppen in der Impfreihenfolge nicht berücksichtigt.

Wenn jetzt Familienimpfungen jedoch dazu dienen sollen, die Aufweichung der Impfreihenfolge zu legitimieren, damit dem Vorhaben „schnelles Impfen in den Betrieben“ der Gegenwind aus den Segeln genommen wird, ist die Sache aus ethischen Gesichtspunkten allerdings wieder etwas anders zu betrachten: Dass Menschen mit erhöhtem Risiko schwer zu erkranken oder mit erhöhtem Risiko sich zu infizieren, bevorzugt geimpft werden, war eine Entscheidung, die die STIKO mit Unterstützung des Deutschen Ethikrats und der Leopoldina gemeinsam getroffen hat, um besonders gefährdete Personengruppen zu schützen. Diese Entscheidung haben wir als Gesellschaft Anfang des Jahres so mitgetragen, so wurde es monatelang kommuniziert. Jetzt Risikogruppen, kurz bevor sie an der Reihe wären, zu sagen, ihr stellt euch jetzt doch wie alle anderen wieder hinten an, ist unethisch und unmoralisch. Eine Aufweichung der Impfreihenfolge ist daher erst ab dem Zeitpunkt vertretbar, ab dem so viel Impfstoff zur Verfügung steht, dass Risikogruppen dadurch nicht länger auf ihre Impfung warten müssen. Denn das Warten auf die Impfung liegt derzeit noch an der Impfstoffknappheit und nicht primär an der Logistik. Für die Impfungen von Eltern habe ich daher den Vorschlag gemacht, dass Eltern innerhalb der jeweiligen Gruppen zuerst geimpft werden könnten, denn Eltern gibt es in allen Priorisierungsgruppen und natürlich auch der letzten Restgruppe.

Und auch für den Impfturbo durch Betriebsimpfungen gäbe es einen sozialverträglichen Vorschlag. Es wäre denkbar, wenn denn dann mal genug Impfstoff da ist, in den Betrieben parallel zu den Impfzentren, zunächst betriebsunabhängig die Risikogruppen nach Priorisierung zu impfen und im Anschluss, ebenfalls ohne Berücksichtigung der Betriebszugehörigkeit, die Familien. Schließlich haben unter anderem Kinder und Eltern, dadurch dass sie zu Hause geblieben sind und ihre Kontakte eingeschränkt haben, dafür gesorgt, dass die Betriebe ein Jahr lang ohne größere Einschränkungen weiterarbeiten konnten. Im Gegenzug wehrte sich „die Wirtschaft“ und für sie Bundeswirtschaftsminister Altmaier bis zuletzt gegen Test-, Masken- und Homeoffice-Pflicht in Betrieben. Alles Dinge, die Schülerinnen und Schülern ohne weiteres zugemutet werden. Betrachtet man also die Impfungen in den Betrieben vor dem Aspekt des kollektiven Kontaktbudgets, wird deutlich, dass Familien ihren Beitrag zur Senkung der Fallzahlen konsequent geleistet haben. Auf Kosten der psychischen Gesundheit von Kindern und Eltern und auf Kosten von Bildungschancen und Teilhaberechten von Kindern und Jugendlichen.

Ausgerechnet der Chef der deutschen Bank Christian Sewing äußerte unlängst gegenüber der Welt, das Unternehmen sei „grundsätzlich bereit, Menschen eine Impfung zu ermöglichen, auch wenn sie nicht für uns arbeiten“. Und so könnte die Impfkampagne doch noch zu einem sozial gerechten Ausgang finden: Durch Impfungen von Risikogruppen, danach der Eltern und schließlich der Belegschaften in den Betrieben – angefangen bei den Beschäftigten mit großem Expositionsrisiko und aufsteigend nach Gehalt – denn wir wissen inzwischen sehr genau, dass ärmere und sozial weniger privilegierte Menschen deutlich öfter schwer erkranken und auch an Corona versterben.

Foto: Gustavo Fring

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